#UnserSong2017: Nachbeben & Erste Gedanken danach

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Mensch, was war das für eine Woche? Am 9. Februar fand der deutsche Vorentscheid "Unser Song 2017" zum Eurovision Song Contest statt und seitdem ist unsere Gewinnerin Levina mit ihrem Song "Perfect Life" in aller Munde - allerdings nicht immer kommen dann positive Worte raus. Im Gegenteil: So viel Aufsehen hatte zuletzt nur Ann Sophie, nachdem sie als Zweitplatzierte für Deutschland gesetzt war. Doch nicht nur Levina sorgt für Diskussionen: Auch die Show, das Votingsystem, die Jury und die Arrangements der Lieder werden heiß diskutiert. Es ist schwierig sich bei all diesen Informationen eine Meinung zu bilden, deshalb versuche ich in diesem Beitrag, alle wichtigen Aspekte zusammenzufassen und meine Gedanken dazu zu schildern.

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Die Show & das Prozedere
Seien wir ehrlich: Wir alle waren vom Aufbau der Sendung von Anfang an nicht wirklich begeistert. Die Cover-Runde, nach der bereits zwei Kandidatinnen ausschieden, wurde sofort als sinnlos erachtet und führte dann natürlich zu dem Ergebnis, das kommen musste: Eine Kandidatin mit den mit unter besten Versionen der ESC-Songs flog schon mal gleich zu Beginn raus. Die Rede ist von Felicia Lu Kürbiß, deren Songs ihr euch auf Spotify anhören könnt. Ganz ehrlich: Hätte sie die Chance erhalten ihre ESC-Songs zu performen, wäre sie wahrscheinlich als Favoritin ins Finale eingezogen und hätte dort gegen Levina singen müssen. ABER: Das System erlaubte das nicht, denn sie schied nach der Cover-Runde aus. Tragisch und sehr unnötig. Für nächstes Mal würde ich mir wünschen, man lässt die Cover-Runde weg und überlegt sich eine Alternative. Vielleicht könnte man innerhalb eines Medleys die Kandidaten Cover performen lassen, ohne das im Anschluss ein Voting folgt. Stattdessen gibt es zu Beginn eben dieses Medley mit Solo-Anteilen und im Anschluss performt wirklich jeder jede Version. ODER noch viel besser: Jeder Kandidat erarbeitet eigens zwei Songs und präsentiert diese dann. Denn, auch hier waren sich die ESC-Fans einig: Zwei Songs für fünf Kandidaten sind einfach viel zu wenig. Hier merkte man sehr schnell, dass man irgendwie alles wie 2010 machen wollte: Da kam es schließlich auch nur "3 Songs", von denen zwei von jedem Kandidaten vorgestellt wurden. Nur einer war individuell auf die Finalisten zugeschnitten. Diesen Teil hat man 2017 einfach weggelassen. Fehler. Denn ja, ich muss gestehen, dass die Versionen der Songs "Wildfire" und "Perfect Life" wirklich unterschiedlich waren, aber man merkte eben auch, dass sie zu einigen Sängern gar nicht gepasst haben (beispielsweise zu Axel, wobei hier auch noch die Ausstrahlung dazu kam, die gar nicht auf eine ESC-Bühne passt). Schade, denn hier verschwendet man wirklich großartiges Talent. Sprich: Überarbeitet das Konzept in einigen Aspekten, denn grundsätzlich gefällt mir die Idee einer Castingshow, die Sänger und Songs zusammenbringt. Die Teile sind da, fügt sie jetzt 2018 einfach passend und besser zusammen. Doch darum sollte es jetzt nicht gehen, vielmehr konzentrieren wir uns lieber auf die Siegerin und deren Song - denn hier gibt es auch eine Menge zu besprechen


Die ESC-Bubble tobt: Levina mit "Perfect Life"
Was an jenem Donnerstag-Abend passierte war ein wenig magisch: Deutschland verliebte sich von Anfang an in Levina, die mit "When We Were Young" von Adele total überzeugte und deshalb auch verdient gegen sich selbst im Superfinale antrat. Doch auf eins konnten nicht nur wir (gemeint sind meine Gäste an dem Abend und ich), sondern auch andere Zuschauer sich einigen: Die Songs reißen nicht von Anfang an zu 100 % mit. Und das ist beim ESC immer blöd. Denn wir müssen überzeugen und zwar vom ersten Ton an. Europa ist nicht gnädig mit uns und wir können auch nicht auf Nachbarschaftsvotes (so wie es andere Länder tun) hoffen. Deshalb ist es natürlich auch immer etwas blöd, wenn man Songs geboten bekommt, die eben nicht sofort zünden. Schlussendlich muss man aber sagen: Deutschland hat sich für das beste Lied entschieden und zwar in der besten Version, die man an dem Abend hören konnte. Und ja, das muss ich hervorheben, denn das ist nicht selbstverständlich. Doch was dann folgte, konnte keiner erahnen: Ein Shitstorm vom aller feinsten und zwar nicht gegen die Sängerin, die sogar von vielen gelobt wird, sondern gegen den Song. Richtig gehört, gegen den Song, den man als nett, aber nicht speziell genug wahrnahm. Der Grund? Das Intro und der Rhythmus während des Stückes erinnert in Teilen an "Titanium" von David Guetta und Sia. Sofort wurden Plagiatsvorwürfe laut, sowohl national als auch international. Fans beschwerten sich und sagten schon jetzt den letzten Platz für Deutschland voraus. Es ging sogar so weit, dass Levina und ihr Auftritt auf YouTube trendete und in kürzester Zeit über eine Millionen Zugriffe hatte. Extrem viel, verglichen zu anderen Videos auf dem offiziellen ESC-Channel. Doch was bedeutet all diese Diskussion denn nun?

Naja, sagen wir so: Bad publicity is better than no publicity. Zumindest ist Deutschland im Gespräch, allerdings natürlich nicht gerade aus guten Gründen. Denn sieht man sich die Wettquoten an, wird einem gleich anders zumute: Dort ist Deutschland nämlich auf den letzten Plätzen vertreten. Aber gut, zu diesem Zeitpunkt sagt das noch nichts aus. Dennoch: Das Video des Vorentscheidsauftritts hat knapp 13 000 Dislikes gegen 7 000 Likes. Eine grauenvolle Billanz. Allerdings wichtig zu wissen: Der Auftritt beim Vorentscheid fand mit Band statt und zeigte nicht die Version, die wir beim ESC hören werden. Hier muss die Musik nämlich vom Band kommen. Und das könnte Levina zu Gute kommen: "Perfect Life" klingt nämlich in der Studio-Version viel besser als gemeinsam mit den Heavytones. Wer sich davon überzeugen möchte, der kann sich das offizielle Video dafür ansehen, welches auf dem offiziellen Eurovision-YouTube-Channel hochgeladen wurde.


Das hört sich doch schon sehr viel besser an als der Auftritt beim Vorentscheid, oder? Außerdem schön: Es gab schon lange kein offizielles Video zu einem deutschen ESC-Song, Ann Sophie und Jamie-Lee hatten nur die Auftritte vom Vorentscheid als Video bzw. eine Aufnahme von TVOG. Das Video zeigt bereits eine gewisse Richtung in die man gehen möchte: Simpel, aber modern und zeitgemäß. Oh ja, ich sehe schon: Die Verantwortlichen geben sich sichtlich Mühe, um alles auf die Jugend abzustimmen, ob das klappt, wird sich zeigen. Denn ich befürchte, dass das zu normal, zu langweilig wirken könnte. Und das größte Problem: Zu distanziert. Man muss sich mit der Sängerin auf der Bühne identifizieren, sodass man MÖCHTE, dass sie gewinnt. Ich möchte aber noch nicht zu kritisch sein, schließlich kann man das erst im Mai bewerten. Falls aber der Auftritt so geplant wird wie bei der vergangenen Schlag den Star-Ausgabe, bekomme ich schon wieder Bauchschmerzen: Denn hier war mir viel zu wenig los. Levina stand am Mikrofonständer und im Hintergrund gab es ein paar Lichter und ein bisschen Nebel. Zu wenig für Kiew. Einzige Lichtblicke: Die Kamerafahrten waren gut gewählt und einige Effekte sorgten für eine angenehme Erfahrung. Außerdem sah Levina im Vergleich zum Vorentscheid um Welten besser aus. Aber seht selbst:




Doch kommen wir zum Song, schließlich werden wir erst im Mai nach den Proben den Auftritt bewerten können: "Perfect Life" ist eine gute Pop-Nummer, die im Radio bestimmt viele Menschen begeistern wird. Der Refrain bleibt durchaus hängen und die Message des Songs ist wirklich positiv und zaubert einem ein Lächeln ins Gesicht. Deshalb glaube ich auch, dass es nicht zu dem befürchteten letzten Platz kommt, den so viele jetzt schon erahnen wollen. Soviel zu den guten Aspekten des Titels. Denn leider fehlt ihm der gewisse Etwas: Der Refrain bricht nicht wirklich aus und ist fast identisch zu den Strophen, die Streicher setzen an den falschen Stellen ein und die Bridge vermittelt keine Spannung - ganz zu schweigen, dass die Bridge einfach nochmal aus dem Refrain besteht. Am Abend des Vorentscheids sind mir diese Punkte bereits aufgefallen, allerdings waren sie mit Live-Band-Begleitung einfach noch deutlicher da - die Studio-Version besänftigte mich etwas. Dennoch: Der Song benötigt dringend eine Überarbeitung. Nein, es muss nicht unbedingt das Intro verändert werden, weil viele "Titanium" da raus hören. Vielmehr muss man dem Song eine klare Struktur verpassen: Die Strophen ruhiger gestalten, den Refrain deutlich herausarbeiten und die Bridge herunterfahren. Ob das noch passieren wird? Ich wage es zu bezweifeln

Chancen in Kiew & wie man diese steigern könnte
Was also sind unsere Chancen in Kiew? Ich sage es wirklich ungern, besonders, weil ich Levina wirklich von ganzem Herzen unterstütze, aber ich fürchte, dass das im Mai nichts wird, sofern man keine Änderungen vornimmt. Deutschland wird wieder unter den Letzten landen und darf wahrscheinlich froh sein, wenn es nicht den letzten Platz belegt - denn dann wäre der Hattrick zwar perfekt, aber die Schmach groß. Noch ist aber nicht alles verloren: Die Verantwortlichen müssen die Kritik der Fans wahrnehmen und handeln: Es gilt am Song als auch am Staging zu arbeiten. Ersteres habe ich oben bereits besprochen, für letzteres hat man Marvin Dietmann beauftragt, dieser hat in der Vergangenheit Conchita beim ESC geholfen, ihre Bühne auf die Beine zu stellen. Selbiger soll jetzt auch im Mai Levina ausdrucksstark auf die Bühne bringen. Ob das gelingt? Und in welche Richtung wird man gehen? Wichtig ist mir dabei nur eins: Man muss es schaffen, Levina's Persönlichkeit, ihre Geschichte vom Vorentscheid bis zum Eurovision-Finale zu zeigen und so versuchen, den Zuschauer Levina bestmöglich vorzustellen. Nur dann kann es was werden, was heißt: Schöne Kamerafahrten, intim und per Close-Up anfangen, diese aufbauen und Levina dazu bringen, sich so zu bewegen, dass sie sich wohl fühlt - aber nicht nur steht. Dabei kann es verschiedene Möglichkeiten bei der Bühnengestaltung geben: Entweder man bleibt bei den neonlastigen Farben des Videos oder man bezieht Fotos von Levina's Reise nach Kiew mit ein, um so das "Perfect Life" ihrer letzten Monate darzustellen. Überlegt euch was, wenn wir was einfällt, gelingt das den Verantwortlichen doch auch, oder?

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Fazit: Die Grundbausteine sind da, es fehlt der Feinschliff. Die Verantwortlichen müssen am Arrangement arbeiten, ein überzeugendes und intimes Staging schaffen und Levina dadurch aufblühen lassen. Gleichzeitig gilt es sowohl im In- aber auch im Ausland den Song und die Sängerin zu bewerben, sie zu Radiostationen und Fernsehsendungen zu schicken und das Lied unter die Leute zu bringen. Dies ist dringend nötig, schließlich gibt es noch viel Luft nach oben: "Perfect Life" schaffte es bislang nur auf Platz 28 der Singlecharts. Schwach, sogar "Black Smoke" im Jahr 2015 war erfolgreicher.

Deshalb mein dringender Rat an alle Beteiligten: UNBEDINGT hart arbeiten und alles geben, damit das im Mai zumindest ein Mittelfeld-Platz wird, denn der Song und Levina haben dieses Potenzial. Und die Fans hätten zumindest einen solchen Platz wirklich rätlich verdient.

P. S.: Dieser Beitrag ist total anders geworden als ich ihn mir vorgestellt habe. Ich wollte einfach meine gesamten Gedanken auf einen Punkt bringen, leider fällt mir aber genau das schwer. Ich finde nämlich Levina und "Perfect Life" wirklich gut, aber das war auch bei "Black Smoke" und "Ghost" der Fall. Ich bin deshalb vorsichtig mit Vorhersagen und Wünschen. Denn im Endeffekt kommt es darauf an, wie der NDR die nächsten Wochen bis zum ESC gestaltet und wie der Auftritt dann in der Probenwoche zündet. Dieser muss nämlich zunächst die Fans, Blogs und die Presse begeistern bevor anschließend die Zuschauer überzeugt werden müssen. Dafür wünsche ich euch, uns, Deutschland und Levina sehr viel Erfolg!


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