Unser Lied für Stockholm: ein Kommentar

Genau seit einer Woche steht er fest, unser Beitrag für den 61. Eurovision Song Contest in Stockholm!
Deutschland tritt mit "Ghost", performt von Jamie-Lee Kriewitz, im Finale am 14. Mai 2016 an und versucht die 0 Punkte aus dem letzten Jahr hinter sich zu lassen, vielleicht sogar an die Top10-Platzierungen von 2010 bis 2012 anzuknüpfen. Ob dies gelingen kann oder nicht, gilt es noch herauszufinden. Was man sich aber sehr wohl schon anschauen kann, ist das Vorentscheidungskonzept "Unser Lied für Stockholm", schließlich wurde unser nationales Konzept völlig erneuert. Außerdem gilt es zu beurteilen, ob das Konzept auch in Zukunft bestehen bleiben sollte, um Deutschland endlich ein traditionreiches Format schenken zu können.

01. Die Idee
Eigentlich war die Idee einfach: zehn Künstler und Bands treten an und stellen ihre Beiträge vor. Die besten drei gelangen in ein Superfinale, performen noch einmal, anschließend entscheiden sich die Zuschauer für ihren Favoriten und stimmen für unser Lied für den Eurovision Song Contest ab. Dies ist durch Telefon, SMS und App möglich. Einfach und total "normal". Ein solches Vorentscheidungskonzept ist traditionell und gibt es (mit kleinen Abwandlungen) in vielen (erfolgreichen) Ländern wie Norwegen oder Dänemark. Die Idee wurde wahrscheinlich aus der Not heraus geboren, schließlich rechnete man eigentlich mit "Unser Song für Xavier" als Vorentscheidung 2016.

Ursprünglich sollte das so aussehen: Xavier Naidoo war für den ESC 2016
in Stockholm vorgesehen - doch dann kam alles ganz anders
Und obwohl die Idee in nur wenigen Monaten umgesetzt werden sollte, muss ich sagen, dass das diesjährige Konzept mein Liebling unter den deutschen Vorentscheidungen seit 2012 ist. Warum? Ganz einfach: jeder Act bewirbt sich mit nur einem Song, den er für den ESC als geeignet hält. Das war in den beiden letzten Jahren noch anders. Da hatte jeder zwei Songs. Und das fand ich immer eher ablenkend, weil nicht jeder Act einen guten zweiten Song hatte. Außerdem sehr positiv: die zehn Acts für ULfS waren so unterschiedlich, wie sie nur sein konnten. Von Schlager bis Rock, von Singer-Songwriter bis Radio-Pop und vom Manga-Girl bis zum Alternativ-Act, war wirklich alles geboten, was es nur zu geben scheint. Dagegen waren die letzten drei Jahre größtenteils eher Pop in seinen verschiedenen Facetten, was ich ja grundsätzlich mag als Pop-Hörer, allerdings kann man, besonders beim ESC, auch mal verschiedene Genre ranlassen. Das wurde bei ULfS gemacht, was ich als großen Pluspunkt festmache.

Ein Konzept ist natürlich selten perfekt und muss immer wieder kontrolliert und verbessert werden. Konkret: wie sieht's mit der Zukunft des Konzepts aus? Was würde ich mir für nächstes Jahr wünschen? Wie gesagt: bei der Genre-Vielfalt sollte man definitiv bleiben und versuchen, ein breites Spektrum abzubilden. Und auch die Prozedur sollte beibehalten werden: ein Superfinale aus drei Acts macht wirklich Spaß und schafft nochmal einen richtigen Spannungsbogen!
Was, nicht nur seit letztem Jahr bekannt ist, ist: Staging ist alles. Das scheint auch (ENDLICH!) dem NDR klar geworden zu sein, weshalb er sich für jeden Act was überlegt hat oder zumindest den einzelnen Acts nahegelegt hat, sich da was zu überlegen. Durch die Bank war wirklich jeder Künstler mit einer guten Performance am Start, allerdings muss man jetzt zum Feinschliff kommen: Kameraeinstellungen müssen verbessert werden (das schien ja manchmal so, als ob man da einfach zufällig die Kamera laufen lässt und spontan guckt, in welche Richtung man diese führt) und gewagte Inszenierungen müssen her. Daher war das mit den Kunst- und Filmhochschulen eine gute Idee, daran sollte man weiterarbeiten. Ein Vorschlag für nächstes Jahr wäre vielleicht, dass sich jeder Teilnehmer zuvor mit den Hochschulen trifft und mit ihnen zusammen an Inszenierungen arbeitet. So könnte man die Vorstellungen der einzelnen Acts und der Hochschulen zusammen bringen und die Hochschulen würden nicht umsonst arbeiten (in diesem Jahr nutzen nur zwei Künstler die Vorschläge der Schulen, alle anderen ließen sich inspirieren oder machten komplett ihr eigenes Ding).

Eine Jury für den deutschen Vorentscheid 2017?
Außerdem würde ich mir wirklich gerne eine Jury wünschen. Und zwar jetzt nicht eine, die zu 50 % entscheidet, wer für uns zum Finale fährt. Nein, nein. Eher so eine Jury, wie 2010-2012 eingesetzt wurde. Die also einfach nur ihre Meinung zu den Acts da lässt und eventuell sagt, wie diese beim ESC ankommen könnten. Dabei sollte allerdings die Jury nicht aus Sängern bestehen, die gerade Zeit haben und eh ihr Album promoten wollen. Im Gegenteil. Hier sollten Leute anwesend sein, die sich mit dem ESC auskennen. Songwriter, die gewonnen haben oder erfolgreich waren; Choreographen, die das schon seit Jahren machen und Veranstalter, die mit dem ESC vertraut sind. Auf den Punkt gebracht: Menschen, die sich professionell mit dem ESC beschäftigen und das in jeder Facette. Dann kann man auch auf eine durchaus kritische, aber eben auch hochwertige Meinung bauen (ähnlich wie das bei Österreich 2016 der Fall war).

02. Die Kandidaten
Wie schon gesagt: die Genre-Vielfalt war auf jeden Fall ein Punkt, der diesen Vorentscheid zu einem guten machte. Allerdings habe ich mich am letzten Donnerstag schon an manchen Stellen gefragt: und damit will der NDR eventuell wirklich nach Stockholm fahren? Als Kriterien bei der Auswahl nannte der Sender nämlich, sie hätten auf gute Chancen beim ESC geachtet. Da frage ich mich: hat der NDR wirklich reale (internationale) Chancen für JOCO, Woods of Birnam (auch wenn das mega sympathische Jungs sind!) oder Luxuslärm gesehen? Ernsthaft? Das waren doch allesamt Nummern, mit denen wir wahrscheinlich unter die letzten zehn gekommen wären. Ich will nicht sagen, dass mir die Acts nicht gefallen haben, im Gegenteil, persönlich mag ich "Solange Liebe in mir wohnt" sehr gerne. Allerdings hört man da heraus, dass das international nichts wird. Muss es ja auch nicht. Vieles was bei uns in den Charts läuft, würde im Rest Europas gar nicht funktionieren. Was ja auch okay ist. Aber dann bitte nicht solche Nummern beim Vorentscheid. Deshalb wünsche ich mir für nächstes Jahr wirklich etwas geeignetere Acts (in Richtung AVANTASIA, Alex Diehl, Jamie-Lee, Ella Endlich, etc.). Und gewagtere Acts, wie z. B. Keoma. Ja, sie wurden nur Achte, allerdings haben sie dem Line Up durchaus was verliehen. Und ihre Performance war wirklich nicht schlecht. Deshalb: liebe NDR, bleibt bei der Genre-Vielfalt, überlegt euch nochmal was international funktioniert und dann fragt Leute an. Apropos anfragen. Natürlich gehört auch dazu, dass der Sender mit Plattenlabeln, Radiosendern und Managern zusammenarbeitet und sich da Informationen holt. Das muss direkt nach dem letzten ESC geschehen, damit Künstler, die gerade ein Album veröffentlichen wollen, dies auch so machen, dass sie noch in die ESC-Regeln passen (also Veröffentlichung ab dem 01. September). Nicht wie bisher, einfach nur schauen, wer zufällig was ab September veröffentlicht. Denn dann entgehen einem eventuell sehr gute Künstler. Dazu gehört auch, dass man sich verschiedene Casting-Formate anschaut und guckt, ob und wie man diese in den Vorentscheid bringen kann (man sieht ja anhand von Jamie-Lee oder auch Laura Pinski, dass das gut ankommt).

03. Die Gewinnerin
Tjaja und jetzt kommen wir eigentlich zum wichtigsten Aspekt: die Gewinnerin Jamie-Lee. Schließlich wird ihr Erfolg bzw. Misserfolg auf den Vorentscheid zurückgeführt werden. Das Konzept wird nur dann als erfolgreich bewertet (jetzt sind wir mal ehrlich), wenn Jamie-Lee in die Top10 gelangt. Traurig aber wahr. Man kann ein noch so ausgeklügeltes Vorentscheidskonzept haben, wenn es international nicht funktioniert, dann zweifelt man letztendlich an dem Auswahlformat. Und was soll ich sagen? Mit Jamie haben wir eine junge, frische und sehr talentierte Sängerin gewählt, die sofort begeistert und die man sofort ins Herz schließt. Hier muss man ein wenig an "lovely Lena" denken, die man ebenso beschrieben hat. Gleichzeitig wirkt Jamie-Lee noch etwas jünger und viel extremer, dank ihres individuellen Styles. Viele kritisieren ja hier, dass es der Kultur nicht gerecht werden würde, allerdings passt das einfach zur Sängerin und kommt deshalb auch total gut an! Doch sie sieht nicht nur süß aus, sondern hat eine total eingängige und klare Stimme, die sich von allen anderen in Stockholm abheben wird. Da bin ich mir sicher. Dabei ist "Ghost" ein Song, der zwar im Pop-Mainstream zu verorten ist, der aber trotzdem noch so sehr Eigencharakter hat, dass man ihn nach 26 Songs im Ohr haben wird. Auch da bin ich mir sicher.


Wir haben also: eine sympathische, eigenständige Sängerin, einen individuellen und sehr einzigartigen Song und was fehlt da jetzt noch? Richtig, die Inszenierung und das Staging. Und hier ist mein größter Kritikpunkt, wenn man das so nennen will. Das Staging bei ULfS war schon eine richtig gute Idee. Ein großer Mond am Anfang, zu sehen ist nur Jamies Silhouette und ein mystischer Wald entfaltet sich hin zum Refrain, bevor Jamie-Lee ins Licht tritt und man ihr krasses Manga-Outfit sieht. Bis zum ersten Refrain scheint alles perfekt. Doch dann folgt der Rest. Jamie-Lee geht ein wenig nach rechts, dann nach links und anschließend wieder in die Mitte. Sonst passiert während den restlichen 2 Minuten wirklich NICHTS. Und genau da fängt mein Verbesserungsvorschlag an: Jamie-Lee muss die Geschichte, die sie am Anfang des Songs singt, weitererzählen und die Bühne weiter ausbauen. Sie könnte durch den Wald laufen, es blitzeln einzelne Geister auf oder Fabelwesen, irgendwelche Manga-Gestalten vielleicht, so würde man eine Brücke zu ihrem Aussehen schlagen. Irgendwas, was einfach genauso fässelt, wie der Anfang der Inszenierung.

Was mich aber positiv stimmt, ist, was Jamie-Lee in mehreren Interviews betont hat. Sie wolle am Auftritt arbeiten und ihn bis Stockholm verbessern. AHA! Da hat jemand erkannt, dass man den Song gut auf die Bühne bringen muss und da eine Schippe noch draufgelegt werden sollte wenn man beim ESC auf die linke Tabellenhälfte kommen möchte. Sehr guter Ansatz, was beweist, dass Deutschland sich für die richtige Künstlerin entschieden hat ;-)

Sooooo und damit endet mein Special rund um den deutschen Vorentscheid 2016, "Unser Lied für Stockholm" - ich hoffe, euch hat es gefallen. Lasst mir gerne Feedback da, was ich im nächsten Jahr eventuell besser machen könnte oder welche Art Beiträge ihr dafür noch wollt. Im April/Mai geht es dann weiter mit dem Eurovision Song Contest-Special, schaut also gerne wieder rein (:


____________________________________
Ihr wollt keine News rund um "Unser Lied für Stockholm" und den 61. Eurovision Song Contest verpassen? Dann folgt meinem Blog, klickt "Gefällt mir" auf Facebookfügt mich auf Google+ hinzu und addet mich auf Spotify!

Hier geht's zu allen Posts rund um den Vorentscheid 2016:







& hier kommt ihr zu meinen "regulären" Beiträgen:



SIA - "This Is Acting"                            Beyoncé - "Formation"

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen