Wer singt für Österreich? - Der Kandidatencheck



Auch auf Österreich lastete im letzten Jahr die harten 0 Punkte - trotz aufwendigem Vorentscheid mit etlichen Vorrunden, Semi-Finale und großer Live-Final-Show. Und obwohl The MakeMakes ein guter Beitrag war, würdigte ihn Europa mit keinem Punkt - nach Conchita war es nun auch wirklich schwer, einen Nachfolger zu finden. All das ist allerdings Schnee von gestern, der ORF arbeitete an einem neuen Vorentscheidungskonzept und kündigte für 2016 ein neues Format an. Dies kam, zwar mit gleichen Namen, aber wirklich verändert. Der Musikexperte Eberhard Forcher wählte zusammen mit der ORF-Team Songs aus und wählte die neun Besten aus 44 eingesendeten Beiträgen.



Zusätzlich führte der Sender eine Wildcard-Runde ein. Hier konnten sich Sängerinnen, Sänger und Bands mit ihren Songs bewerben um an der Wildcard-Abstimmung teilnehmen zu können (als hätte der ORF nichts von uns Deutschen gelernt - Wildcard-Runden funnktionieren nicht, glaubt's uns). Egal, der ORF wollte es so und wählte aus über 30 Bewerbungen fünf aus. Diese wurden auf Facebook vorgstellt und anschließend gab es eine Like-Abstimmung. Der Act mit den meisten Likes würde die Wildcard bekommen. Es schien vorprogrammiert: einigen Teilnehmern wurden gekaufte Likes vorgeworfen, es gab ein Drama und im Anschluss kürte man AzRah als Siegerin, obwohl diese nur Dritte war - egal, man hatte es geschafft und scheinbar ohne große Vorwürfe.

Wie dem auch sei: somit hatte der ORF zehn Kandidaten, die dazugehörigen Songs wurden am 21. Januar (Jänner :D) 2016 veröffentlicht und somit ging dann auch wilde Spekulationen los, wer denn nun nach Stockholm fahren würde. Ich habe mir die Songs angehört und will auch mal meinen Senf dazugeben. Prinzipiell ist mir aufgefallen, dass es vermehrt "Indie-Beiträge" sind, damit mein ich kein bestimmtes Genre sondern, dass keine großen Produzenten dahinter stecken und die Songs nicht allzu Mainstream sind - wobei es da auch Ausnahmen gibt. Außerdem sind keine bekannten Acts dabei, man setzte auf frische Künstler mit einem frischen Sound und ESC-tauglichen Songs.



01. Bella Wagner - "Weapon Down"



Der erste Track, den ich mir angehört habe, war dieser hier und ich war sofort begeistert und irritiert zugleich: der Song ist genau zwischen Mainstream und Experimentell und hat was sehr Faszinierendes. Dabei ist er ein Friedenssong im modernen Gewand verpackt, der besonders im Refrain irgendwie was hat, was ich nicht erklären kann. Ich glaube, dass der Track einfach herausstichen und polarisieren wird. Ob er wirklich eine Chance hat? Weiß ich nicht, ich glaube nicht, dass Österreich total begeistert reagieren wird, allerdings könnte es eine Überraschung geben. Die Chancen beim Eurovision halte ich für genauso uneinschätzbar: es könnte total begeistern oder total floppen. Ich mags. So sehr, dass er sogar zu meinen Favoriten gehört. Es muss einfach nur die Inszenierung stimmen. Man darf gespannt sein.



02. ELLY - "I'll Be Around (Bounce)"



Elly, eine junge Sängerin, die manche vielleicht aus The Voice of Germany kennen und die nun ebenfalls beim österreichischen Vorentscheid antreten wird und zwar mit der Nummer "I'll Be Around (Bounce)". Dieser erinnert mich etwas an die Neuseeländerin Lorde und ihren Stil: ab und zu Sprechpassagen, Schnippser im Hintergrund und sehr puristische Sounds. Die Instrumentalisierung ist sehr gut, die Stimme weiß noch nicht in allen Teilen zu überzeugen. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass das ankommt und die Zuschauer begeistert. Wenn das live gut gemacht wird und das Staging stimmt, steht dem Track nichts im Weg. Deshalb gehört er definitiv zu meinen Favoriten.



03. Farina Miss & Céline Roschek - "Sky Is the Limit"



Dieser Act spaltete mich etwas: die Strophen sind ganz gut, der Refrain viel zu sehr produziert. Außerdem wiederholt er sich für meinen Geschmack zu sehr und besteht im Prinzip nur aus dem Titel des Stückes. Klar, man kann sich den Song ganz gut anhören, aber so richtig überwältigen tut er mich jetzt nicht - ich denke, dass das bei der Vorentscheidung genauso sein wird und er irgendwo im Mittelfeld landen wird. Beim ESC wäre das kein sicherer Finalkandidat, wenn, dann erreicht er dort höchstens das Mittelfeld - und dann muss wirklich alles stimmen: Gesang, Bühnenbild, Performance. Für mich daher okay, aber definitiv kein Gewinner.

04. Lia - "Runaway"



Dieser Titel erinnert mich vom Stil her etwas an Conchita: seichte Ballade, große Stimme und einfühlsamer Text. Mir gefällt der Track wirklich gut, ich finde ihn sehr eingängig und besonders die Bridge wird einfach mega gut gesungen - ich hoffe, dass das bei der Live-Performance ebenso der Fall ist. Dabei wünsche ich mir eine simple Inszenierung: Lia in einem weißen Kleid im Zentrum der Bühne, Lichter drehen sich dramatisch und fokussieren sich auf Lia - schon hat man die perfekte Performance. Dabei ist lediglich die Gefahr, dass das alles viel zu sehr an Conchita erinnert. Und sorry, aber: weder der Song noch Lia kommen an Conchita heran ;-)
Insgesamt also ganz gut, weder Favorit noch ein komplettes Disaster und deshalb auch die Benotung: okay.



05. LiZZA - "Psycho"


HIER geht's zum Song "Psycho"
Dieser Track wird unter den Favoriten gesehen. Ich finde die Strophen ganz gut, der Refrain ist schon wieder total überproduziert und total durcheinander. Man kann sich den Song anhören, hat aber nicht das WOW-Erlebnis, das man braucht, um beim ESC und zunächst einmal beim Vorentscheid zu überzeugen. Dabei ist die Instrumentalisierung wirklich gut, aber die Stimme wirkt wie versteckt zwischen den Sounds. Ich mache mir wirklich Sorgen um die Live-Qualität dieses Acts und habe ein gemischtes Gefühl. Ich behalte ihn mal im Auge, vielleicht wirkt er live besser.



06. Orry Jackson - "Pieces in a Puzzle"



Und jetzt zu meinem klaren Favoriten: "Pieces in a Puzzle" ist ein MEGA Dance-Pop-Track, der total schnell reingeht und bei dem man den Refrain sofort mitsingen kann. Beim ersten Anhören der zehn Tracks, war das derjenige, den ich sofort im Kopf behielt und bei dem ich sofort begeistert war - das erste Mal bei den bis dato gehörten sechs Songs. Und auch im Anschluss, sollte sich daran nichts ändern. Orry hat eine gute Stimme, der Track baut sich auf und wird immer besser und besser. Der Song ist der einzige Ohrwurm unter den Teilnehmern - und das ist beim ESC garantiert von Vorteil. Einziger Kritikpunkt: das Ende kommt zu abrupt, das ist aber wahrscheinlich so, weil ich einfach nicht will, dass er endet. "Pieces" ist deshalb mein ABSOLUTER LIEBLINGSTRACK und für mich heißer Anwärter beim Vorentscheid.

07. Sankil Jones - "One More Sound"



Nun zum klaren Favorit der ESC-Gemeinde, zumindest wenn man den Foren glauben schenken darf. Sankil präsentiert uns mit "One More Sound" einen Dance-Track, der irgendwie Elemente aus allen möglichen Genre hat: HipHop, Dance, klassischer Gesang, Musical und Trap - alles ist dabei, nichts ist unmöglich... "One More Sound" eben. Ich mag es leider überhaupt nicht. Für mich ist der Track weder eingängig, noch höre ich dem Sänger gerne zu. Es ist einfach alles zu viel, alles viel zu sehr auf "ich möchte international klingen" gemacht und einfach komisch. Wenn Österreich das schickt, glaube ich nicht an einen Finaleinzug. NO WAY möchte ich das in Stockholm für Österreich sehen. BITTE BITTE NICHT ÖSTERREICH!!!




08. Vincent Bueno - "All We Need Is That Love"


Ein weiterer Dance-Track im Teilnehmerfeld: Vincent ist anscheinend in Österreich durch einige TV-Arbeiten relativ bekannt und will nun mit Justin Bieber-Dance-Pop für Österreich nach Stockholm fahren. Ich muss sagen, dass das der Track war, an den ich mich am wenigsten erinnern konnte. Er ist einfach viel zu Mainstream, viel zu 0815 und viel zu gewöhnlich für den ESC. Dabei bin ich noch gar nicht zum Rap gekommen, der ist mal wirklich unterirdisch. Sollte sich Österreich für diesen Track entscheiden, ist im Halbfinale Schluss - mit großer Sicherheit sogar.



09. Zoe - "Loin d'ici"



Ein bekanntes Gesicht für Österreich: Zoe nahm letztes Jahr schon am Vorentscheid teil und belegte den 3. Platz, obwohl sie international die klare Favoritin war. Kein Wunder mit ihrern französischsprachigen Liedern, die wohl besonders in Frankreich und Belgien gut angekommen sind (letztes Jahr gab es eine internationale Jury-Abstimmung). Auch dieses Jahr versucht sich Zoe an dem Projekt Eurovision Song Contest mit ihrem überarbeiteten Titel "Loin d'ici" - dieser ist nicht ganz so gut wie der Titel aus dem letzten Jahr, trotzdem eingängig und fällt einfach auf. Ich war schon letztes Jahr der Meinung, dass Zoe nach Wien gehen sollte, weshalb ich auch dieses Jahr für sie bin. Ein ganz klarer Favorit!



10. AzRaH - "The One"


Nun zur oben angesprochenen Wildcard: nach viel hin und her wurde es nun AzRaH mit ihrem Titel "The One". Dieser ist ein Swing-Pop-Song, in dem AzRaH beweist, dass sie singen kann, allerdings halte ich den Song für viel zu altbacken. Er klingt so schnulzig und überhaupt nicht nach 2016 finde ich - und das meine ich gar nicht positiv. Für mich bildet AzRaH wirklich das Schlusslicht unter den zehn Acts und mir grauts immer wieder wenn ich lese, dass sie manche ESC-Fans als Favoritin haben - Horror, deshalb BITTE BITTE NICHT!


Mein Fazit:
Ihr seht, dass meine Favoriten ziemlich klar sind, dennoch zunächst einmal mein Ranking für den Vorentscheid.

01. Orry Jackson - "Pieces in the Puzzle"
02. ELLY - "I'll Be Around (Bounce)"
03. Bella Wagner - "Weapons Down"
04. Zoe - "Loin d'ici"
05. Lia - "Runaway"
06. Lizza - "Psycho"
07. Farina Miss & Céline Roschek - "Sky Is the Limit"
08. Vincent Bueno - "All We Need Is Love"
09. Sankil Jones - "One More Sound"
10. AzRaH - "The One"

Müsste ich mich allein zwischen den Studioversionen entscheiden, würde ich wahrscheinlich Orry Jackson wählen. Ich finde der Song geht total gut rein und kann mir vorstellen, dass er auch gut inszeniert werden kann. Das setzt natürlich eine gute Live-Stimme voraus. Interessant und etwas anders fände ich auch Elly mit "I'll Be Around (Bounce)" - der Track würde dem Contest etwas sehr Frisches und Junges geben, ähnlich wie Belgien letztes Jahr. Und "Weapons Down" von Bella Wagner fände ich einfach 1. ein mega Statement und 2. ein gewagter Track, der hervorstechen könnte im Mai. Und obwohl ich Zoe letztes Jahr als Favoritin hatte, ist sie nicht auf meinem Platz 1, trotzdem würde ich mich über ihren Sieg freuen. Nach Platz 4 gibt es eine große Leere bis dann Lia und ihre Ballade kommt. Ab hier stören mich einzelne Dinge an den Songs und ich glaube nicht, dass man damit allzu erfolgreich beim Contest sein würde - allein von dem, was ich anhand der Studioversionen gehört habe.

Die Moderatoren des NF: Andi Knoll, österreichischer Kommentator &
Alice Tumler, Moderatorin des ESC 2015.

Übrigens finde ich den österreichischen Vorentscheid einen der besten "National Finals", die der ESC-Jahrgang 2016 zu bieten hat. Ich schaue mir nur wenige an (um genau zu sein: Spanien und Belgien habe ich verfolgt, natürlich Deutschland, Österreich, Schweiz und in diesem Jahr wird auch der britische Vorentscheid auf BBC Four geschaut!) und bin der Meinung, dass er unter allen genannten, zu den besseren gehört. Ich mag, dass wirklich jeder Song einen eigenen Touch hat, auch wenn sie z. B. im Dance-Genre sind - trotzdem klingt "One More Sound" total anders wie "All We Need Is That Love" oder "Pieces in a Puzzle". Aber auch "Weaponds Down", welches durchaus schwere Kost ist, ist komplett anders wie Zoes beschwingliches "L'oin dici".


Gut finde ich auch, dass man auf relativ unbekannte Acts gesetzt hat und keine großen Namen auffährt. Wie man in der Vergangenheit gesehen hat, sagt es eh nicht so viel aus, wie berühmt man ist. Man kann also sagen, dass Österreich sich gut aufgestellt hat nach der 0 Punkte-Niederlage. Es sind zehn gute, unterschiedliche und sehr eingängige Tracks, die es jetzt gilt, richtig zu inszenieren, sodass sie beim Vorentscheid als auch beim ESC scheinen können. Deshalb: gut gemacht, liebe Nachbarn! Freut euch auf einen tollen Vorentscheid mit einem hoffentlich gerechten und zufriedenstellenden Gewinner (:
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Rachel Platten - "Wildfire"                              Silbermond - "Leichtes Gepäck"

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